Budda als Symbol für Muße

#TwitterundIch

Wie die Zeit vergeht. Finden Sie nicht auch? Das könnte daran liegen, dass Sie und ich älter werden. Oder aber an der allumfassenden Digitalisierung der Welt. Ein Großteil der Bevölkerung (Sie und ich gehören selbstredend nicht dazu) lässt sich nämlich von den Verpflichtungen beziehungsweise neuen Vergnügungen des Alltags so vereinnahmen, dass dem Einzelnen der Gedanke ans Nichtstun, also einen langsam vergehenden Augenblick ohne Spiel oder Spannung, keinen Spaß macht. Da hilft auch keine Schokolade.

So rasen die Tage dahin, wie die Landschaft hinter dem Fenster eines Schnellzugs nach Bielefeld. Und die vielversprechenden Werkzeuge der digitalen Ära? Die nehmen uns die Last, selbst Auto fahren, Informationen Stück für Stück sammeln oder schwere Tüten schleppen zu müssen. Doch sorgen sie nicht dafür, dass die Menschheit mehr Zeit für Muße hat. Sie schaffen stattdessen Möglichkeiten, uns permanent zu beschäftigen. Twitter ist so ein modernes Werkzeug. Obwohl: modern? Es ist gerade zehn Jahre alt geworden!

Aus diesem Grund haben die Damen und Herren von Brandwatch unter dem Motto #TwitterundIch zu einer Reflexion aufgerufen. Und ich nehme mir die Zeit.

Anfang 2009 fragte ich mich: Wozu soll das gut sein? Im Oktober desselben Jahres, beschloss ich investigativ vorzugehen, und meldete mich bei Twitter an. Ein Abenteuer unter dem Namen @marketing_proof begann.

Twitter bietet mir seitdem regelmäßig aktuelle Informationen, notwendige Ablenkung, plötzliche Erkenntnisse, neue Blickwinkel, unterhaltsame Dialoge und unnötige Werbung. Ich kann sehr gut ohne leben: abends, am Wochenende und an solchen Orten, die keinerlei Entzauberung durch die Nutzung von irgendwelcher Technologie bedürfen.

Zurzeit folgen mir 455 (die Zahl variiert täglich) vermeintlich echte Menschen. In die Verlegenheit, Tausende von Verfolgern über zwielichtige Kanäle kaufen zu müssen, kam ich weder vor sieben Jahren in meiner Rolle als Global Marketing Manager innerhalb eines großen Konzerns, noch betrachte ich diese Möglichkeit heute als relevant – für mich selbst, den Marketing-Freelancer, sowie für die meisten meiner Kunden gehört Twitter zu den Tools, die – geschickt eingesetzt – dabei helfen, einen Dialog zu führen. Stellenweise zählt eben doch das „sozial“ in „soziale Medien“. Nicht so bei den Zeitgenossen, die auf der aggressiven Suche nach Jüngern sind – egal welcher Art. Für eine kurze Zeit folgen sie mir. Erfülle ich ihnen den Wunsch nicht, einer von ihren Followern zu werden, verschwinden sie im Nu. Und das ist auch gut so.

Mein für die Allgemeinheit vermutlich interessantester Follower ist Susan Bennett, iPhone-Nutzern besser bekannt als die englische Stimme von Siri. Diese Frau folgt 711.000 Menschen. Ob Sie also wirklich mich und das, was ich in die Welt sende, unterhaltsam findet? Es wird ihr kaum möglich sein, alle Tweets derer, denen sie folgt, jemals zu sehen. Doch – wer weiß? Andere Verfolger erfreuen sich zwar öffentlich keiner großen Bekanntheit. Doch durfte ich einige von ihnen auch im analogen Leben treffen und das wäre ohne Twitter ganz sicher nicht passiert. Diese außergewöhnlichen Begegnungen machen Twitter immer wieder spannend.

2013 hatte ich das soziale Netzwerk genau unter die Lupe genommen. Im Vergleich zu damals gibt es heute mehr Werbung. Mehr Menschen tummeln sich herum. Der finanzielle Erfolg des Unternehmens bleibt hingegen aus. Viele führen diese Tatsache darauf zurück, dass Twitter sich nicht jedem sofort erschließt. Aber ist es nicht gerade das, was dieses Netzwerk ausmacht? Und, so kompliziert ist es nun wieder auch nicht. Obwohl immer mehr Funktionen dazu kommen. Die sinnvollsten von Ihnen: „Analytics“ – das Statistik-Tool von Twitter und „Stummschalten“ – die Chance, Followern auf Abwegen vorübergehend den Mund zu verbieten.

Im Verlaufe der Zeit kamen viele vorgenommene Änderungen merkwürdig daher. Dass ein Algorithmus mir sagen möchte, was das Beste für mich ist, stößt mir beispielsweise übel auf. Deshalb habe ich die Funktion „Timeline: Zeige mir die besten Tweets zuerst an“ sofort deaktiviert. Ich sehe also eine ungeordnete, chronologische Auflistung der Tweets. Zum einen: Traue niemals einem Roboter. Zum anderen: Die beliebtesten Menschen erzählen schließlich auch nicht immer die interessantesten Geschichten.

Twitter verleiht einem die Gabe, online zufällig glückliche und unerwartete Entdeckungen zu machen. Deshalb nutze ich es. Noch. Denn nichts ist für immer: Netscape, AOL und Yahoo sind der in einer sehr unbequemen Nische lebende Beweis.

Happy Birthday, Twitter. #LiveLongAndProsper.

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