Metallschild, das für ein B&B wirbt

Ansichtssache

Wenn die Kinder der Millenials eines Tages auf das 20. Jahrhundert zurückblicken, werden sie vermutlich den Kopf schütteln über diese gefährliche Zeit, in der menschliche Schicksale so häufig vom Zufall bestimmt wurden. Damals schauten Reisewillige in Kataloge mit zwei mal zwei Zentimeter großen Fotos von Hotels und verließen sich auf die Empfehlung einer Reiseverkehrskauffrau, die selbst noch nie vor Ort war. Sie gingen in Restaurants, ohne zu wissen, welche Farbe der Toilettendeckel hat. Verloren Stunden ihrer wertvollen Zeit darauf, Bücher zu lesen, von deren Inhalt sie anfangs nur eine vage Vorstellung hatten.

Es folgte eine kurze Zeitspanne, in der Informationen über sperrige Bildschirme plötzlich ein wenig Licht ins Dunkel brachten. Heute erlaubt uns die totale Vernetzung herauszufinden, mit welcher Kosmetikmarke sich Fremde die Nägel auf den Osterinseln lackieren und wo es die vitaminreichsten Sojasprossen zu kaufen gibt. Statt graue Fakten zu studieren, können wir auf Tonnen bunt gefärbter Meinungen ausweichen. Jeder, der über einen Internetzugang verfügt, hat die Möglichkeit, zum Beurteiler zu werden. Weil die Welt längst vermessen ist, stacheln wir Geschäftstreibende zu einem Wettbewerb um goldene Sterne an – und basteln an einer globalen Meinungskarte.

Entzieht sich jemand dem digitalen Kraken, muss er damit rechnen, im analogen Bermudadreieck spurlos zu verschwinden. Dieser Macht ausgeliefert, sehen sich immer mehr Unternehmen dazu gezwungen, dreiste Mittel anzuwenden: sie verunglimpfen ihre Konkurrenten oder heuern professionelle Meinungsfälscher an, vor denen inzwischen sogar der Rundfunk warnt.

Auf Meinungen basieren auch zahlreiche Geschäftsmodelle. Arbeitgeber (kununu), Ärzte (jameda), Reiseziele (tripadvisor) oder Alles Mögliche – Geschäfte mit Religion und Glauben inklusive – (yelp) – die Themen der Bewertungsportale sind so vielfältig wie die konkreten Wege, Gewinne zu erwirtschaften: mal sind es Werbeeinnahmen, mal dient die Plattform einem anderen Geschäftszweig als Seelenfänger. Eine Konstante stellen diejenigen dar, die bereit sind, in ihrer Freizeit, traumatische wie wunderbare Erlebnisse innerhalb von Bewertungen zu verarbeiten. Sie bilden den subjektiven Gegenpol zur vermeintlich objektiven Stiftung Warentest. Was treibt sie an?

Aufgestauter Frust. Die Chance auf Selbstverwirklichung. Belohnung in Form von Gutscheinen oder Rabatten. So wenig die Bewertungsportale unabhängig sind, so selten handeln die Meinungsmacher uneigennützig. Manche schreiben Bewertungen sogar über Produkte, die sie noch nie gekauft haben – einfach, weil ihnen danach ist. Dennoch lesen wir unaufhörlich ihre orthografiefremden Gedanken. Weil sie wie Wegweiser im undurchdringlichen Digital-Dickicht erscheinen. Oder uns schlicht amüsieren.

Amazon
Ein Sommernachtstraum: William Shakespeare

Ich war total Enttäuscht. Das Buch ist garnicht was für mich und große Zeitverschwendung. Einer der schlechtesten Bücher, die ich je gelsen habe, sodass ich es nicht mal zu Ende gelesen habe!!!!!!!

TripAdvisor
Ein Café in Frankfurt

B. Z. ein Tasse Kaffe kostet 3,80 € ein Selters Still 0,2L kostett 3,80€ Die Getränke Preis sind zu zu teuer, die Preise von Essen sind in Ordnung

jameda
Eine Zahnärztin

Gehe ab jetzt nicht mehr zu dieser Ärztin. Trotz Betäubung immer wieder schmerzende Stellen im Zahn gehabt und beim letzten Besuch hat sie nicht aufgehört zu bohren obwohl ich geschrien und die hat gehoben habe.

kununu
Eine Unternehmensberatung

Wer auf unbezahlte Überstunden für ein niedriges Grundgehalt und ohne Wertschätzung steht ist bei ___ genau richitg.

Google
Ein Hilton-Hotel in Deutschland

Der Service ist so übertrieben freundlich, das man denkt man spricht mit Robotern. Abgesehen vom sehr guten Hilton Standard ist jede Einrichtung nur so gut wie ihre Mitarbeiter. Hier werden die Mitarbeiter wohl darauf geschult immer freundlich zu sein. Mir persönlich war das zu unpersönlich.

Einige Unternehmen drehen den Spieß inzwischen um: diejenigen, die regelmäßig urteilen, geraten dann selbst in die Meinungsfalle. Dank Anbieter wie eKomi machen sich beispielsweise Gastgeber ein Bild von ihren Gästen, bevor diese durch die Tür laufen. Wer will es ihnen verübeln?

 

Übrigens. Auf der Isle of Sky steht ein zauberhaftes Bed and Breakfast, das weder eine Website noch einen Eintrag im gedruckten B & B – Guide sein eigen nennt. Selbst das metallene „Vacancy“ – Schild wird beim Vorbeifahren ganz leicht übersehen. Vielleicht stolpern Sie ja mal zufällig hinein. Aber so sehr es Sie in den Fingern juckt – bitte schreiben Sie nicht darüber. Verzichten Sie dieses eine Mal auf einen Meilenstein innerhalb Ihres TripCollective-Fortschritt-Zählers. Abgemacht?

Anmerkung: Das Beitragsbild ist irreführend.

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