Titelbild von "intelligent life" - als Frauenzeitschrift umgestaltet

Mit der richtigen Creme schaffen wir alles

Je mehr Fortschritte wir beim Thema Gleichstellung von Frau und Mann machen, desto spannender der Blick ins Zeitschriftenregal. Die Redaktionen scheinen einen sanften Prozess zu bevorzugen, bei dem die noch recht verwirrten Vertreter beider Geschlechter sich langsam an ihre neuen Freiheiten gewöhnen. Daher findet sich in jedem Supermarkt oder Bahnhofskiosk je ein blaues Regal für Männer und eines in Rosa für Frauen.

Kennen Sie nicht? Stehen Sie womöglich als einzige Person vor dem schmalen, violetten Regal in der hinteren Ecke? Gönnen Sie sich alle zwei Monate ein Exemplar von „1843“, dem Nachfolgemagazin von „intelligent life“? Lassen Sie das nächste Mal doch ihren Blick umherschweifen.

Sie werden feststellen, im rosa Regal geht es hauptsächlich um Diäten, Lifestyle, Mode, Rezepte, Trends, Schönheit, Stars, heterosexuelle Partnerschaften und pastellfarbene Wohnideen. Ab und zu auch um Karriere – dann werden mutige Themen erörtert wie „Warum Menschen mit zwei Vornamen erfolgreicher sind“.

Fortgeschrittene in Sachen Gleichberechtigung greifen am liebsten zu einer Ausgabe von „bella“, einer Publikation für selbstbewusste Frauen, die mitten im Leben stehen und genau wissen, was sie wollen – also vor allem Schlank- und Fit-Programme, Wellness, Schönheit und Mode. Ergänzend bietet sich die „emotion“ an. Sie bereichert den Wissensschatz durch Artikel wie „Klatsch unter Kollegen – wie halte ich mich da raus?“.

Polyglotte Damen mit Vorliebe für Achtsamkeit mögen die „Flow“. Sie steht für das Streben nach einem einfachen Leben ohne Eile. In den Rubriken „Feel Connected”, „Live Mindfully”, „Spoil Yourself”, „Make it Simple” lernen sie das „Stempeln mit Lotta” oder entdecken ihre „Neue Liebe zum Kakao“.

Da sich Zeitschriften mindestens zur Hälfte durch Werbung finanzieren, unterstützen Werbetreibende den schonenden Übergang zu einer Gesellschaft, in der Frauen am Grill stehen und Männer Origami-Schmetterlinge basteln dürfen, ohne schwerwiegende soziale Konsequenzen fürchten zu müssen. Dabei lassen sie sich von Marktforschungsinstituten beraten, die das männliche und weibliche Wesen eingehend studieren.

Eines solcher Institute fand neulich heraus, warum es so wichtig ist, nichts zu überstürzen: Wussten Sie, wie schwer sich vor allem Frauen über vierzig mit dem neuen Weltbild tun? Unser Leben ist möglicherweise ganz anders, als Sie (und ich als Betroffene) dachten.

Es gibt ein Ideal der selbstbewussten wie erfolgreichen, attraktiven wie fürsorglichen Frau, die ihre verschiedenen Rollen souverän meistert. Leider wird nicht erklärt, wer dieses Ideal geschaffen hat. (Ein kleingeistiger Wicht, wer jetzt an eine Mitwirkung von Medien und Werbetreibenden denkt.)

Dieses Ideal ist für die meisten unerreichbar. Wirklich? Ist mir noch nicht aufgefallen. Vielleicht, weil es um mich herum von Frauen im Wonder Woman-Kostüm nur so wimmelt.

Die Emanzipation eröffnet den Frauen zwar viele Optionen, erhöht aber auch die Anforderungen, die sie an sich selbst stellen. Stimmt. Regelmäßig treibt mich diese immense Auswahl an Möglichkeiten in Richtung Herd – der ist so schön übersichtlich und anschließend gibt es Kekse.

Darüber hinaus ist der drohende Verlust der jugendlichen Schönheit eine große psychische Belastung. Insbesondere an einem Bad-Hair-Day – wenn die Haare sich schon am frühen Morgen gegen einen verschwören, kann das nur der Anfang vom Ende sein.

Entsetzlich: Ein Drittel der Frauen unternimmt nichts, um sich selbst wohl zu fühlen; jede zehnte Frau setzt sich kaum mit der eigenen Situation auseinander und weiß nicht, was ihr selbst guttut. Aber glücklicherweise gibt es Abhilfe, liebe Leidensgenossinnen, denn Kosmetik kann als „magischer Zauberstab“ fungieren, der in jeder Frau das Beste unterstreicht und sie ermuntert, zum eigenen Ich zu stehen. Na, bitte schön – mit der richtigen Creme wird alles gut!

Ob die auch Männern über 40 hilft? Oder brauchen die gleich ein neues Auto?

 

Hinweis: Die im Beitragsbild verwendete Titelseite von „intelligent life“ wurde verfremdet. Die verwendeten Aufkleber stammen nicht aus einer Frauenzeitschrift.

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2 Gedanken zu „Mit der richtigen Creme schaffen wir alles“

  1. Herrlich! Und noch ein wirklich wertvoller Tipp am Rande: Wer den Fehler gemacht hat, auf die Schnelle mal noch einen Bikini bei H&M kaufen zu wollen und ob des Spiegelbilds im hellen Neonlicht kurz davor ist, eine ausgewachsene Depression zu entwickeln, der kaufe sich doch einfach nebenan die aktuelle Gala, um zu erfahren, dass selbst Kim Kardashians kunstvoll aufgepolsterter Hintern Cellulite aufweist. Da kommt doch gleich jede Menge #bodypositivity rüber. 😉

    1. Vielen Dank für diesen Warnhinweis, Annette. Wir bleiben der Shoppingmeile heute vorsichtshalber fern und lesen ein Buch von Jane Austen, um uns daran zu erinnern, wie weit wir mit Hilfe von Humor schon gekommen sind.

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