Straßenschild: Eichhörnchen bittet um langsames Fahren

Zeichen der Zeit

Bevor ein einfacher Soldat Napoleons den Stein von Rosetta entdeckt hatte, stand manch ein Erdenbewohner vor den ägyptischen Hieroglyphen und staunte über deren Bedeutung. Auch die Mayas hinterließen eine Menge Zeichen, die immer noch Rätsel aufgeben. Aber wozu in die geographische und zeitliche Ferne schweifen? Am Anfang des 21. Jahrhunderts erfasst uns auch hierzulande ein globales Phänomen: der Mensch vertreibt zunehmend die über Jahrtausende mühsam erarbeiteten, geschriebenen Worte und ersetzt sie leichtfertig durch Bildsymbole.

Das Dumme ist nur: die Zeichen unserer Zeit führen schon heute häufig zu Missverständnissen. Einen Daumen, der nach oben zeigt, mag ein Facebook-Fan mit einem „gefällt mir“ assoziieren. Unter Wasser bedeutet jenes Symbol nicht etwa, dass ein Taucher den vorbei schwimmenden Fisch bewertet, sondern, dass er aufsteigen möchte. Gehen Sie auf eine polnische Toilette, können Sie das bekannte, nicht selten einbeinige, Mädchen im Kleid und den breitschultrigen Jungen so lange suchen, wie Ihre Blase es erlaubt. Denn das Land, in dem ich zur Welt kam, bevorzugt ein Dreieck (für Herren) bzw. einen Kreis (für Damen).

Jeden Tag, dazu muss man sich weder in den Osten noch die Unterwasserwelt begeben, begegnen wir etlichen Sinnbildern. Und Unternehmen sorgen dafür, dass es immer mehr werden. Sie verkaufen ihre Produkte weltweit. Wäre es da nicht schön, wenn alle Konsumenten eine Sprache sprächen? Schließlich ist es viel günstiger, ein universal einsetzbares Symbol zu nutzen, als eine Information in viele Sprachen übersetzen zu müssen. Also treffen wir auf mysteriöse Textilpflegesymbole, unterhaltsame Gebote auf Plastikflaschen und warnende Hinweise auf elektronischen Geräten.

Die Auswirkungen, die falsch verstandene Bildzeichen haben, variieren stark. So sterben beispielsweise nur noch ganz wenige Menschen beim Föhnen in der Badewanne, trotz nicht immer eindeutiger Hinweise. Föhn Symbole - Badewanne und BuchOb die Marke Braun wohl daher dazu einlädt, sich beim Zurechtmachen doch mit einem Buch zu zerstreuen? Schwer zu sagen, denn die Damen und Herren von Braun haben die Frage nach der wirklichen Bedeutung dieses merkwürdigen Piktogramms nie beantwortet.

Man präsentiert uns Bildzeichen als zeitsparende Variante der Kommunikation und wir, weil der Mensch von Natur aus faul ist, nehmen dieses Angebot nur allzu gerne an. In unserer stets interaktiven, digitalen Welt, in der viele von uns viereckige Geräte zu ihren engsten Verbündeten machen, sind Emojis konsequenterweise nicht mehr wegzudenken. Was in den neunziger Jahren so unschuldig begann, nimmt gewaltige Ausmaße an, wie eine Kampagne von Pepsi beweist.

Kleiner Tipp: Falls Sie ein Emoji einmal nicht verstehen und dadurch Ihre Smartphone-Beziehung zerbrichtEmoji, beschweren Sie sich doch beim gemeinnützigen Unicode-Konsortium – denn die legen nicht nur die Bedeutung dieser kleinen Dinger fest, sondern auch welche Bildchen überhaupt als Emojis gelten dürfen.

Und wenn Sie in Feierlaune sind: am 17. Juli ist World Emoji Day.  Überschattet wird dieser Feiertag nur von der Gewissheit, das er dem Kommerz dient. Denn es geht hauptsächlich darum, so viele Unternehmen wie möglich dazu zu bringen, den World Emoji Day für ihre Zwecke zu instrumentalisieren. Aber das ist nicht halb so traurig wie die Tatsache, dass inzwischen die ersten „Emoji-Verbrennungen“ stattfinden. Zum Beispiel in Indonesien, wo man ernsthaft überlegt, Emojis, die religiösen Werten und Normen widersprechen, zu verbieten.

In zweitausend Jahren werden sich unsere Nachfahren, vorausgesetzt wir zerstören uns als Spezies bis dahin nicht selbst, über unsere Art der Kommunikation sicherlich wundern. Wer weiß, vielleicht überlebt ja das geschriebene Wort. Ob es so kommt, liegt im Wesentlichen buchstäblich in unserer Hand.

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