Graffiti mit Aliens

Katerfrühstück für Entscheider im digitalen Rausch

Heute Morgen habe ich aus Versehen eine E-Mail geöffnet, in der sich bunte Comicfiguren von einem anderen Planeten (im Auftrag eines mir bekannten Dienstleisters) mit mir zu unterhalten versuchten (manche dreiäugig, andere nur mit einem Sehorgan ausgestattet – alle sahen aus, als hätten sie an Weihnachten etwas zu tief ins Glas geschaut). Lächelnd baten sie mich darum, die Erde zu verlassen, um mit ihnen gemeinsam neue Galaxien zu erforschen. Das zumindest nehme ich an. Denn innerhalb des interaktiven Bildchens im GIF-Format, in dem sie steckten, blinkte die Aufforderung „Hier Finger auflegen“ und: Was sonst sollte so eine Nachricht bedeuten? Einen Faktencheck kann ich, so leid es mir tut, nicht bieten. Mehrfaches Drücken auf den Bildschirm meines Computers bewirkte rein gar nichts.

In Deutschland sehen wir uns digitale Inhalte zu 58 Prozent über einen Desktop-Computer an. 35 Prozent entfallen aufs Mobiltelefon und 7 Prozent aufs Tablet. Weltweit sieht die Sache etwas anders aus: 46 Prozent gehen an den Desktop-Computer, 50 Prozent ans Mobiltelefon und 4 Prozent ans Tablet. Das liegt daran, dass es Länder gibt, in denen viele Menschen zwar ein Mobiltelefon, aber keinen Computer besitzen – zum Beispiel Indien. Dort betrachtet man Websites zu 79 Prozent über ein Mobiltelefon, gerade einmal zu 20 Prozent über einen Desktop-Computer. Kaum jemand nimmt hier ein Tablet in die Hand.

Ich lebe nicht in Indien. Das müsste mein Dienstleister eigentlich wissen. Und auch andere Unternehmen sollten sich der Tatsache bewusst sein, dass es immer noch Menschen gibt, die digitale Inhalte nicht alleine übers Smartphone konsumieren. (Oder kennen Sie etwa einen Büroangestellten, der den ganzen Tag vor einem 4-Zoll-Bildschirm sitzt?) Trotzdem optimieren nicht wenige Verantwortliche die Ausgabe digitaler Inhalte nur noch für Mobiltelefone. Das ist eine „One Size Fits All“-Lösung, zu der man häufig bei Hüten oder Bademänteln greift. Sie steht für einen faulen Kompromiss, der Unternehmen hilft, ihre Kosten zu minimieren. Der Kunde hat dabei kurzfristig das Nachsehen. Langfristig hoffentlich ein Einsehen, sobald die Konkurrenz passendere Kommunikationsinstrumente bietet.

Unser Gehirn mag diese Gleichmacherei nämlich gar nicht. Verzweifelt sucht es auf einem großen Bildschirm (das kann übrigens neben einem Desktop-Computer ein Laptop oder gar ein Fernseher sein) nach einer Navigation, während diese sich heimtückisch hinter ein paar dünnen, untereinander geordneten Strichlein versteckt. Wo das übliche Suchfeld fehlt, lässt sich auch das winzige Lupen-Symbol mit bloßem Auge kaum erkennen. Endloses Scrollen mit der Maus führt in den meisten Fällen zu Krämpfen im Handgelenk. Wer einen herkömmlichen Bildschirm mit dem Finger antippt, bekommt als einzige Reaktion hässliche Fettflecken.

Diverse technische Lösungen drängen sich schon seit geraumer Zeit auf: eine Responsive-Website (oder E-Mail), die unterschiedliche Bildschirmgrößen erkennt und sich anpasst; eine mobile Version der Website (oder E-Mail) als Ergänzung zur Desktop-Version oder eine App, die der Nutzer in einem App-Store herunterlädt. Jede Möglichkeit hat zahlreiche Vor- und Nachteile, die es je nach Zielsetzung abzuwägen gilt.

Aber egal, für welche Technik sie sich entscheiden – befolgten die Macher bei der Konzeption, Gestaltung und Programmierung digitaler Inhalte das Mantra: mobil ist nicht Desktop und Desktop ist nicht mobil, blieben wir im Jahre 2018 von betrunkenen Aliens mit kryptischen Nachrichten verschont. Ach, wäre das schön.

 

Foto: Graffiti eines unbekannten Künstlers in Schull, Irland

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