"When I die, the cats get everything" Wandmalerei als Symbol dafür, dass Zeit wichtiger ist als Zeug

Ausflug: Zeit statt Zeug

Ganz am Anfang kommt uns Zeit sehr grobkörnig vor. Nur langsam schiebt sie sich durch unsere persönliche Sanduhr. Mit jedem Lebensjahr aber schrumpfen die Sandkörner. Immer schneller rutschen sie nach unten. Und irgendwann werden sie zu winzigen Staubteilchen, die kompromisslos auf den Boden zurasen. Bis oben nichts mehr übrig ist. Aus der Ferne betrachtet erinnert dieses unten gefüllte Glas an kitschige Souvenirs. Beige Sandkörner stehen für Augenblicke, in denen wir alleine waren. Momente der Geselligkeit sind hingegen rot, blau, gelb, grün… Je mehr Zeit wir mit anderen verbracht haben, desto bunter unser Glas. Und das war es dann. Unser Leben. Ein Potpourri aus Begegnungen. In diesem Glas ist kein Platz für Porsches, Biedermeier Tische oder bombastische Stereoanlagen. Denn ein Leben ist das, was man daraus gemacht hat. Nicht das, was man angehäuft hat.

Aber das weiß man anfangs nicht. Niemand bekommt eine Bedienungsanleitung. Wir sehen weder ein Buch, dessen Ende wir zuerst lesen können, noch eine bunte Sanduhr. Deshalb verwechseln wir im Laufe der Jahre so einiges. Und glauben zum Beispiel daran, dass Dinge, die wir verschenken, automatisch Erinnerungen wecken. Dabei müsste uns auffallen: Ein Gegenstand wird nur zu einer Erinnerung, wenn wir vorher genug Zeit mit einer Person verbracht haben. Augenblick für Augenblick lernen wir jemanden kennen. Herz und Hirn sammeln Erfahrungen, die sich irgendwo in unserem Innern verankern. Erst dann sind wir in der Lage, mit einem Geschenk auch etwas zu verbinden. Mag es noch so hässlich sein. Wir lachen jedes Mal wenn wir das Ding benutzen oder nach Jahrzehnten auf dem Flohmarktstapel wiederfinden. Aber ohne Begegnungen bleibt Zeugs recht leblos. Es verkriecht sich in einem Regal und schweigt.

Und dann leben wir auch noch im Zeitalter der Effizienz. Schnell muss alles gehen. Jeder Atemzug hat sich in die wenigen Lücken unserer vollen Kalender einzufügen. Entschleunigungskurse und Guerilla Gardening sind auf dem Vormarsch. Zeitschriften mit Titeln wie „Wie Einfach“ wollen uns helfen, das Leben zu meistern. Für nur drei Euro verraten sie uns, wie wir es schaffen, uns frei zu fühlen und Zeit zu haben. Schließlich haben wir so wenig Zeit. Zeugs hingegen stapelt sich in jeder Ecke.

Dieser Kontrast hat die Agentur Scholz & Volkmer dazu inspiriert, eine besondere Geschenkidee zu propagieren: gemeinsam Zeit verbringen, statt Zeug zu kaufen. Blumen pflanzen statt Blumenstrauß, Vorlesen statt Buch, Fotos gucken statt Fotoapparat, Waldluft statt Parfüm, Nackenmassage statt Schal, Reparieren statt neu kaufen… Unendlich viele Möglichkeiten werden in dem Projekt „Zeit statt Zeug“ vorgestellt. Gerne darf man seine eigene Idee einbringen. Das Ganze funktioniert sehr einfach: Man wählt ein Geschenk aus, legt einen Termin fest und verschickt einen Gutschein.

Projekte wie dieses beweisen, dass kreative Leistungen nicht immer mit künstlichem Glanz daher kommen müssen. Manchmal reicht bodenständiger Menschenverstand. Aber brauchen wir überhaupt eine solche Erinnerung an Selbstverständlichkeiten? Scheinbar ja. Denn nicht alles, was offensichtlich ist, findet auch seinen Weg in die Realität. Wir lassen uns ja auch von Algorithmen manipulieren, legen uns für unsere virtuellen Freunde seltsame Identitäten zu und sind bereit, für einige Momente der Muße sehr viel Geld zu zahlen. Auf dem Weg zu einer besseren Welt haben wir erreicht, dass die körperliche Anstrengung schwindet und der Geist leidet. Wir sind zu schnell geworden und haben den Überblick verloren. Zeit statt Zeugs erinnert uns daran: wenn die Sanduhr erst einmal voll ist, dann liegt es nicht an uns, sie umzudrehen. Aber bevor es soweit ist, können wir über jedes einzelne Sandkorn selbst bestimmen.

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