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Auf der Suche nach dem ehrbaren Kaufmann

„Dumm ist der, der Dummes tut.“ sagt der kleine Forrest Gump bei seiner ersten Unterhaltung mit Jenny. Wer Dummheiten begeht, zeigt in seinem Verhalten wenig Überlegung und fällt zumeist in ärgerlicher Weise unangenehm auf. Unternehmen beugen dem Ärger vor, indem sie Regeln schaffen und ihre Mitarbeiter dazu auffordern, diesen zu folgen. Manche finden das Ganze doof, also recht einfältig und beschränkt, daher weichen sie gelegentlich, durchaus wohlüberlegt, vom gemeinsamen Regelwerk ab.

Bemerken Verantwortliche solche absichtlichen Handlungen, dann hat das intern Konsequenzen – theoretisch. Sind sie böser Natur und gelangen in die Öffentlichkeit, straft der Kunde das Unternehmen ab – zumindest in Märchen, in denen Gut und Böse klar voneinander unterscheidbar sind und der Kunde moralisches Verhalten vor die eigenen Interessen stellt.

Die Wirklichkeit lehrt uns hingegen täglich, dass Menschen bereitwillig Grauzonen betreten und die Verantwortung für ihr Handeln lieber anderen überlassen. So purzelten die Absatzzahlen des VW-Konzerns im Schatten des Diesel-Skandals nicht etwa. Im Gegenteil: sie stiegen. Die Diesel-Verbote in etlichen Großstädten treffen stolze Golf-Fahrer wie ein Bumerang. Viele einst Unbeteiligte erleiden einen Kollateralschaden. Der VW-Konzern duckt sich und gelobt Besserung.

„Nachhaltigkeit bedeutet für unseren Konzern, ökonomische, soziale und ökologische Ziele gleichrangig und gleichzeitig anzustreben. Wir wollen dauerhafte Werte schaffen, gute Arbeitsbedingungen bieten und sorgsam mit Umwelt und Ressourcen umgehen.

Im Zusammenhang mit der Diesel-Thematik haben wir diese eigenen Ansprüche in mehreren Punkten verfehlt. Die Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Abgaswerten widersprechen allem, wofür wir stehen. Mit ganzer Kraft setzen wir uns deshalb dafür ein, dass sich dergleichen nicht wiederholt, dass wir unseren eigenen Ansprüchen wieder gerecht werden und so gesellschaftliches Vertrauen zurückgewinnen.“

Verantwortung zu übernehmen macht jede Menge Umstände. Ehrbare Kaufleute und ihre Gehilfen schreckt diese Tatsache nicht. Sie streben wirtschaftlichen Erfolg an und versuchen dabei, negative Folgen für die Gesellschaft zu vermeiden. Das inzwischen weit verbreitete Regelwerk, das dieser Idee folgt, nennt sich Corporate Social Responsibility (CSR). Selbst das Bundesministerium für Arbeit und Soziales lädt zum nachhaltigen Wirtschaften in seinem Sinne ein.

In unserer allseits vernetzten Welt gibt es wohlmeinende Leitlinien, die einen ganzheitlichen CSR-Ansatz verfolgen, beispielsweise ISO 26000. Doch kann man die Einhaltung der Norm nicht zertifizieren, denn sie fordert nichts ein, sie empfiehlt nur. Einer der Gründe dafür mag sein, dass es die eine Gesellschaft nicht gibt. International agierende Unternehmen werden mit dem Recht und der Politik vieler verschiedener Länder konfrontiert, die über einzelne Werte eine diametral entgegengesetzte Auffassung vertreten. Das Dilemma lässt sich nicht leicht lösen, regt aber immerhin Diskussionen an.

Erst kürzlich nahm Netflix in Saudi-Arabien eine Folge der Comedy-Show „Patriot Act with Hasan Minhaj“ aus dem Programm, weil es dem Kronprinzen Muhammad Bin Salman nicht gefallen hat, wie dort über die Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul gesprochen wurde. Im Jahre 1984 stellte Apple beim Super Bowl seinen Macintosh-Computer mithilfe eines längst zum Kult avancierten Spots vor, in dem sich eine dynamische Dame vom Großen Bruder befreit. Der einstige Rebell gilt inzwischen als wertvollste Marke der Welt und hält sich ironischerweise brav an Anweisungen der Macht hinter der Großen Firewall: Vor zwei Jahren verschwanden auf Wunsch der Regierung in China 674 VPN-Apps aus dem App-Store – Big Brother überwacht einen Absatzmarkt, in dem 1,4 Milliarden Menschen leben. Wie sieht es mit der Verantwortung gegenüber dieser Gesellschaft aus?

Google-Mitarbeiter machten sich darüber ein paar Gedanken: Weil sie nicht an den Menschenrechtsverletzungen mitschuldig sein wollten, brachten hunderte von ihnen – so die Berichte – das Projekt „Dragonfly“ zum Stillstand, in dessen Mittelpunkt eine zensierte Suchmaschine für den chinesischen Markt stand. Googles Mission heißt „Die Informationen dieser Welt organisieren und allgemein zugänglich und nutzbar machen.“ Scheinbar mussten die Mitarbeiter das Management daran erinnern.

Verantwortungsvoll ist der, der Verantwortungsvolles tut. Das wusste Jenny; sie war die einzige, die Forrest Gump einen Platz im Bus anbot als andere ihn verachteten. Wer in seinem Verhalten viel Überlegung zeigt, fällt angenehm auf. Im besten Fall wird er dafür langfristig belohnt und inspiriert andere.

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