Telefon mit dem Wort "help" innerhalb der Wählscheibe

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Eigentlich wollte ich einen Artikel zum Thema Marketingstrategie schreiben. Doch ein blinkendes Licht brachte alles durcheinander – ein Dieb, der vor allem Zeit stahl, aber auch ein klein wenig der Selbstbeherrschung und Würde. Dieses Vorkommnis ist der Rede wert, denn schon morgen könnten auch Sie das gleiche durchleben und eine entsprechende Selbsthilfegruppe existiert meines Wissens noch nicht.

Vor drei Jahren verschwand die robuste analoge Telefonleitung aus meinem Leben. Digitale Signale übernahmen – auf holprigem Wege – die umfassende Verantwortung für gelungene Ferngespräche, aufwendige Recherchen und ein erfolgreiches Projektmanagement. Seitdem leuchtete die DSL-Power-Anzeige des Routers recht zuverlässig. Ab und zu zuckte sie kurz, aber meistens war es nur ein Schluckauf – nichts, was man übelnehmen müsste. Dann, an einem sonnigen Nachmittag im sonst düsteren November, fing sie plötzlich an, hektisch zu flimmern und hörte nicht mehr auf. Von einer Sekunde auf die andere konnte ich weder Netflix mit neuen Daten füttern noch meine ältesten Freunde anrufen, geschweige denn arbeiten.

Niemand sollte Ryanair fliegen müssen. Niemand sollte einen Ofen, in dem über eine Woche lang ein Kuchen vergessen wurde, von Maden befreien müssen. Niemand sollte mit der Hotline seines Internetanbieters telefonieren müssen. In Zeiten, in denen viele Unternehmen behaupten, von ihren Kunden besessen zu sein und manche sich tatsächlich Mühe geben, uns zufriedenzustellen, lehnen sich Telekom, 1&1, Vodafone und Co entspannt zurück, denn sie wissen, dass sie uns in der Hand haben. Ein solider Internetzugang gehört inzwischen zu den Lebensnotwendigkeiten – in der Maslowschen Bedürfnishierarchie steht er gleich neben Essen und Schlafen. Auf dieser Stufe liegen die Defizitbedürfnisse: Werden sie nicht befriedigt, geht es uns sehr, sehr schlecht.

Mein Entzug dauerte eine Woche. Innerhalb dieser Zeit wurde ich viermal gefragt, was für einen Router ich hätte. Scheinbar speichert mein Anbieter die Daten nach dem Zufallsprinzip. Entweder das oder die Schnittstelle der Chatbots, die die Gespräche annehmen und vorgeben, Menschen zu sein, ist noch nicht ausgereift. Meine Leitung wurde viermal aus der Ferne vermessen, zweimal, als man bereits wusste, dass das nichts bringen würde. Irgendjemand möge bitte diese stupiden Ablaufdiagramme dringend anpassen. Es sei denn, die Chatbots sollen lernen, mit Kunden umzugehen, die die Contenance verlieren. In diesem Fall – Glückwunsch! Drei Monate lang können sie nun immer und immer wieder das aufgezeichnete Gespräch analysieren. Währenddessen arbeite ich daran, mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden.

Nachdem das Highspeed-Volumen meines Mobiltelefons, das ich als Hotspot (das heißt als einen mobilen Zugang zum Internet) genutzt hatte, an nur einem Nachmittag aufgebraucht war, dachte ich kurzfristig darüber nach, zur Konkurrenz zu wechseln. Doch wer will sich schon so kurz vor Weihnachten barfuß auf einen steinigen Pfad begeben, der mit heißen Kohlen, Scherben und Reißzwecken versetzt ist? Also radelte ich lieber Tag für Tag in den Coworking-Space meines Vertrauens. Erfreulicherweise ist es 2018, noch vor ein paar Jahren hätte ich dafür nach Berlin oder London fliegen müssen. Heute verfügt CoWorkPlay, übrigens der einzige Coworking-Space in Frankfurt, der auch Kinderbetreuung anbietet (so viel Werbung muss sein), sogar eine Dependance im Einkaufszentrum MyZeil. Der Höhenverstellbare Schreibtisch direkt am Fenster eignet sich nicht nur wunderbar zum Arbeiten, sondern auch um Sozialstudien durchzuführen.

Endlich teilte mir ein Chatbot mit, ein Techniker käme vorbei. Ich sollte mir von 13:00 bis 17:00 die Zeit damit vertreiben, auf ihn zu warten. Das tat ich, halb entrüstet-trübsinnig, halb hoffnungsfroh-aufgekratzt. Ich legte eine Schallplatte nach der anderen auf, blätterte im Brockhaus’ Konversations=Lexikon von 1895 und fand aufschlussreiche Zeichnungen zur Spiritusfabrikation. Um 16:45 wichen allerdings auch die letzten Kräfte von mir. Ich setze mich auf den Boden gleich neben den Router und konnte es nicht fassen: das Lämpchen hatte sich beruhigt. Eine SMS informierte mich einige Zeit später darüber, man habe Entstörungsmaßnahmen durchführen lassen.

Wieso ich vier Stunden lang auf jemanden warten musste, der nie kommen würde? Ich weiß es nicht. Was mit der Leitung eigentlich war? Keine Ahnung. Um all das zu erfahren, müsste ich wieder die Hotline anrufen. Aber das schafft der Chatbot nicht. Oh nein. Ich werde nicht noch einmal meine Würde aufs Spiel setzen. Lieber schreibe ich einen Brief an den Internetprovider, mit meiner mechanischen Schreibmaschine!

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