Handwerk und Tradition - Schild als Symbol für die Kommunikationswissenschaft

Der eingebildete Fortschritt

Vor ein paar Wochen habe ich eine von Sponsoren getragene Marketingveranstaltung besucht. Sie versprach Wissenstransfer aus der Praxis und lieferte Überraschendes. Nach dem üblichen einleitenden Geplänkel der Veranstalter und einigen oberflächlichen Gesprächen mit mal mehr mal weniger unterhaltsamen Menschen, begab ich mich voller Vorfreude auf neue Einsichten in einen Vortragssaal. Der Raum war angenehm hell, mit bequemen Stühlen ausgestattet und der Redner machte einen sympathischen Eindruck – leider nur bis zu dem Augenblick, in dem sein Mund anfing, verstörende Dinge auszuspucken. In den ersten fünf Minuten sprach er immerzu von „leiken“ und „schären“. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass es sich dabei um die englischen Worte „to like“ bzw. „to share“, ergänzt durch ein „n“ am Ende, handelte. Da sich die Ausdrucksweise in den weiteren fünfundfünfzig Minuten nicht änderte, konnte ich dem Vortrag nicht folgen. Die grenzenlose Unverschämtheit lenkte von den wahrscheinlich interessanten Inhalten ab.

Zu Hause angekommen, ging ich dem Vorurteil nach: Wer so spricht, der schreibt auch so. Und tatsächlich. Ein Blick auf die Twittermeldungen des Vortragenden, in denen auch jegliche Rechtschreibregeln tabu waren, bestätigte diese nicht repräsentative Umschau. Google+ verriet zusätzlich, dass sich die Englischkenntnisse dieser Person auf dem Niveau heutiger, von den Eltern nach allen Regeln geförderten, aber gänzlich unbegabten, Achtklässler befanden. Warum also diese umständliche Art und Weise zu kommunizieren? Für einen Moment ließ ich den Gedanken unzensierten Lauf. „Liegt es daran, dass da ein Informatiker versucht, Marketing zu betreiben? Irgendwie schade, dass man eine Meisterprüfung ablegen muss, um selbständig Brötchen backen zu dürfen, aber jeder, der nur möchte, von heute auf morgen zum Marketingspezialisten mutiert.“ Doch noch im gleichen Atemzug erinnerte mich der Kontrollmechanismus für absurde Gedanken daran, dass die Marketingwelt voller solcher Beispiele ist. Hässliche Verletzungen von Wort und Satz findet man vor allem unter jenen, die sich auf dem Parkett der Kommunikation mit Abschluss und Auszeichnung bewegen.

Es wird von „Marketingplanung für die Financebranche“, „persönlichen Recaps“, „einer extra Area“ und „Learnings für Marketingabteilungen“ gesprochen. Sozial schreibt man sowieso nur noch mit „c“. Die zunehmende gedankenlose Verwendung von englischen oder verunstalteten englischen Vokabeln ist respektlos und eine Beleidigung für die Intelligenz der Zielgruppe. Besorgniserregend ist vor allem: Der sprachliche Wirrwarr versteckt sich nicht in fachinternen Kreisen. Er nimmt Einzug in die Kommunikation mit dem Kunden. Man bietet einen „Testlizenzkey“ an, lädt „zum Scouting“ ein, verspricht eine „gesteigerte Conversion-Rate“ oder fordert auf sich zu „connecten“.

Wer solche Nachrichten sendet wirkt arrogant und faul, ist sich dessen aber selten bewusst. „Sprachregeln brechen“ setzen diese Menschen gleich mit „Zukunft prägen“. Doch zumeist sind die verwendeten Begriffe nichts weiter als abgedroschene Phrasen oder von einem selbst unverstandene Phänomene, verpackt in eine Fremdsprache. Diese Tricks tragen keinesfalls dazu bei, dass unsere Sprache sich weiterentwickelt. Sie bewirken lediglich, dass sie verkümmert.

Dabei müssen Tradition (=benutze eine Sprache, die du beherrschst und kommuniziere verständlich) und Fortschritt (=schaffe neue Begriffe, überrasche mit neuen Kombinationen oder noch nie da gewesenen Inhalten) in der Kommunikation keine Gegensätze sein. Wer sein Handwerkszeug beherrscht, braucht keine Luftblasen zu erzeugen.

Ein Gedanke zu „Der eingebildete Fortschritt“

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