Actionfiguren als Symbol für die Macht, die PowerPoint manch einem verleiht

Punktuelle Macht

Aus einer schwachen Lichtquelle entweichen kalte diffuse Strahlen. Immer wieder werden sie von einem Schatten unterbrochen. Mal wiegt er sich nach links, mal nach rechts. Mal steht er ganz still. Ein leises Summen gaukelt Behaglichkeit vor. Abrupt wird es von lauten Worten überdeckt. Genau dann raschelt es. Bewegung kommt in diesen verdunkelten Raum. Einige Köpfe drehen sich synchron zum Licht. Ihre Pupillen versuchen einen Anhaltspunkt zu finden, doch schon bald schließen die Lider jegliche Regung aus. Sie weigern sich, irgendetwas durchzulassen. Das Ganze wiederholt sich. Bis die entfernte Stimme sich wieder Nähe verschafft. Bis der Raum schließlich hell erleuchtet wird und alle Anwesenden anfangen, frenetisch zu klatschen. Dann verwandelt sich der Schatten in einen Menschen. Der diffuse Strahl verliert seine Kraft. Das Summen verschwindet.

Mircrosoft hat einen niedrigeren Markenwert als Apple und in der Forbes-2000-Liste steht das Unternehmen auch nicht ganz oben. Aber was macht das schon. Microsoft hat vor über zwanzig Jahren etwas erschaffen, das alle Unternehmen für immer verändert hat. Ursprünglich dazu gedacht, Menschen, die vor anderen Menschen sprechen, zu unterstützen, hat sich dieses Etwas in ein mächtiges Werkzeug verwandelt. Aus der Büro-Gesellschaft ist es schlicht nicht mehr wegzudenken: PowerPoint, das Plastik-Schwert der Sesselpupser.

Ein sinnvolles Werkzeug ist das, keine Frage. Aber mit der Zeit kam es, wie es so oft kommt: Vielerorts wird das Plastik-Schwert zu einem Schweizer Messer umfunktioniert. Es wird nicht mehr als Neuauflage der Overhead-Folie verwendet, sondern zweckentfremdet. Ein mögliches Einsatzgebiet – die Simplifizierung des Daseins: In solchen Fällen ist die interne Kommunikation innerhalb eines Unternehmens ohne PowerPoint Folien nicht mehr denkbar. Was nicht in das PPT-Format passt, wird kaum zum Erfolg beitragen können. Excel-Listen sind nur etwas für zahlenverliebte Freaks, Word-Dokumente für Leute, die zu viel Zeit zum Lesen haben, und auf die man bei der nächsten Kürzungsrunde ganz bestimmt verzichten kann. Ein Schuft, wer denkt, solch ein Verhalten sei möglicherweise einem gefährlichen Desinteresse oder einer geringen Aufmerksamkeitsspanne der Führungsmannschaft zuzuschreiben. Schließlich gelingt hier der Versuch, die Grundlagen für Geschäftsentscheidungen auf einer Serviette zusammenzufassen. Die Politik hat Ähnliches für Steuererklärungen immer noch nicht geschafft.

Doch auch dort, wo PowerPoint hauptsächlich als Hilfsmittel für erfolgreiche Präsentationen genutzt wird, gibt es viel Platz für Unsinn. Denn PowerPoint bietet eine Spielwiese für allerlei Aktivitäten. Verkannte Romanschriftsteller versuchen, ihr Werk auf maximal fünf Folien zu packen. Sie scheuen vor nichts zurück, um ein Mal im Leben jedes Wort einem Publikum zugänglich zu machen, nicht einmal vor Schriftgröße sechs. Fehlgeleitete Regisseure lieben es, mit Animationen zu experimentieren. Buchstaben werden dazu angewiesen, Squaredance zu tanzen. Aus dem Internet geladene Bilder fliegen mit beängstigenden Zischlauten von einem Bildschirmende zum anderen, als ahnten sie insgeheim, dass sie unrechtmäßig erworben wurden. Dazu ertönen ganze Symphonien auf Maus-Klick. Die hohe Kunst aber, sind Videos. Bei der Erstaufführung häufig von einem eigenartigen Kichern des stolzen Künstlers begleitet, werden diese Kunstwerke zum Alptraum, wenn man vergessen hat, sie in den richtigen Ordner zu packen und der Computer statt bewegte Bilder zu senden, eine Grimasse schneidet. Diesen Künstlern gegenüber stehen diejenigen, die das PowerPoint Plastik-Schwert noch nicht einmal aus dem Schaft heraus kriegen. Irgendwo zwischen „Einfügen – Neue Folie“ und „Titel hinzufügen“ verlieren sie den Mut.

Selbstverständlich geht es bei PowerPoint keineswegs alleine um Äußerlichkeiten. Inhalte so aufzubereiten, dass sie eine Aussage unterstützen, setzt voraus, dass man sich darüber Gedanken macht, was der Kern dieser Aussage eigentlich sein soll. Das ist vornehmlich dann wichtig, wenn PowerPoint kein Hilfsmittel, sondern der Botschafter ist, zum Beispiel auf Slideshare, der Plattform für Präsentationen schlechthin.

Es gibt wahrlich viele Stellen in Unternehmen, in denen Kommunikation Gefahr läuft, suboptimal eingesetzt zu werden. Aber die Nutzung von PowerPoint ist besonders heimtückisch. Zu viele sind betroffen, als dass man diese potentiell undichte Stelle ignorieren könnte. Zu einfach scheinbar die Lösungen, die man ausprobieren könnte, um vorzubeugen. Warum nicht die wichtigsten Präsentationen von jemandem korrigieren lassen, der weiß wie es geht? Warum nicht ein Template erstellen, das wenig Spielraum für Marken-Suizid lässt? Warum nicht diejenigen, die häufig präsentieren, schulen? Es wäre zu einfach. Und welcher ernstzunehmende Entscheider spielt schon gerne mit einem Plastik-Schwert?

Ein Softwareprogramm ist ein aus Bits und Bytes bestehendes Werkzeug, das nur in Verbindung mit bestimmten menschlichen Fertigkeiten, falls vorhanden, funktioniert. Wer auch immer dieses Werkzeug benutzt, hat die Macht, etwas auf den Punkt zu bringen oder jemanden, mit Hilfe der hinterhältigen Methode des Einschläferns, vorübergehend zu beseitigen. Ganz leise, irgendwo in einem verdunkelten Raum, der von einer einzigen Lichtquelle erhellt wird.

Nicht mehr, nicht weniger.

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