Frauen - Graffitti in Paris

Der Markt hat keine Lust, irgendetwas zu regeln

Bei einem Markt treffen Angebot und Nachfrage aufeinander.

Das heutige Angebot ist groß und unübersichtlich. Die Nachfrageseite zeigt sich überwältigt, weshalb die Anzahl vermeintlicher Orientierungszeichen unaufhörlich wächst. Schon seit Jahrzehnten sortieren Stiftung Warentest und Öko-Test Produkte in gute und schlechte ein. Siegel, die sich allerlei Kriterien bedienen, werden vom Staat, von Interessengemeinschaften oder Unternehmen selbst vergeben. Engel, Frösche und Hasen zwinkern uns von Verpackungen aus zu. Doch einen echten Durchblick vermögen sie leider nicht zu schaffen.

Also kaufen wir mal mehr, mal weniger gelungene Produkte von Unternehmen ein, deren Werte und Weltbilder wir zumeist nicht kennen und fällen bisweilen unbewusst persönliche Fehlentscheidungen. Nehmen wir zum Beispiel eine Fahrradtasche von Abus.

Abus ist ein deutsches Familienunternehmen, das, so berichtet die Süddeutsche Zeitung, die gleichberechtigte Teilhabe der weiblichen Familienmitglieder am Unternehmen ablehnt. Um die Erbfolge von Töchtern auszuschließen, wurden in der Vergangenheit sogenannte Erbverzichtsvereinbarungen geschlossen. Diese Information sucht man auf dem Produktetikett leider vergeblich. Die Firmenwebsite spricht von der Achtung für jeden, unabhängig von seinem Geschlecht, der sozialen oder nationalen Herkunft, des Alters, der persönlichen Neigungen, des Familienstandes, von körperlichen Beeinträchtigungen oder der Religion.

Frauen werden geachtet. Ganz oben mitreden müssen sie nicht unbedingt. Abus steht mit seiner Meinung keinesfalls alleine da. Bei den 160 Börsenunternehmen sind 91 Prozent der Vorstandsmitglieder Männer. Die Aufsichtsräte von 53 Unternehmen haben sich das Ziel gesetzt, null Prozent Frauen im Vorstand zu haben, darunter Fielmann, Xing, Zalando. Der Frauenanteil in den Vorstandsgremien des S-Dax (Small-Cap-DAX, also kleinere Aktiengesellschaften) liegt bei lediglich vier Prozent. Nur jedes sechste mittelständische Unternehmen wird von einer Frau geführt – Tendenz fallend.

Zaghafte Vorstöße der Politik, dem Markt dabei zu helfen, Geschlechtergleichheit auf allen Ebenen herzustellen, lehnt die Angebotsseite ab. Die Bitte, freiwillig etwas zu ändern, ignoriert sie größtenteils konsequent. Bundesjustizministerin Christine Lambrecht und Bundesfamilienministerin Franziska Giffey wagen es, sich zu wünschen, dass innerhalb von Vorstandsgremien börsennotierter Aktiengesellschaften mindestens eine Frau Teil des Vorstandes sein sollte – wenn diese mehr als 2.000 Mitarbeiter und wenigstens vier Mitglieder im Vorstand haben. Die Unternehmen schreien auf, ihre unternehmerische Freiheit würde erheblich beschnitten. Die FAZ reagiert bestürzt. Sie befürchtet, diese Frauenquote könnte rund 70 Unternehmen treffen. Wie ein wild gewordener Blitz, der die bestehende Weltordnung durcheinander bringt.

Die Nachfrageseite, sie hätte die Macht, einiges durcheinanderzuwirbeln. Aber selbst wenn ihr Informationen auf dem Silbertablett präsentiert werden, so scheinen diese im Laufe der Zeit verloren zu gehen. Letztendlich gewinnt häufig der kurzfristige Anreiz. „Eine Brille bei Fielmann kostet mich aber nicht so viel“. „Ein Konto bei Xing bringt mir vielleicht einen neuen Job.“ „Zalando hat doch die bequemsten Klamotten.“ Die Meisten ziehen ihre Schultern hoch und lassen die Angebotsseite machen, was sie will.

„Das Einzige, was sich keinem Mehrheitsbeschluss beugen darf, ist das menschliche Gewissen.“

Heißt es in „Wer die Nachtigall stört“ von Harper Lee.

Unser Gewissen hilft einzuordnen, ob das, was wir tun, mit dem übereinstimmt, was wir für uns als richtig und stimmig ansehen. Am Point of Sale fehlt jedoch die Grundlage für eine interne Überprüfung.

Vielleicht mögen Sie eine richtungsweisende Datenbank anlegen und eine dazugehörige App entwickeln? Dann könnten Mann und Frau ein Produkt scannen und die für sie wichtigsten Faktoren abfragen. Etwa: Welches Familienbild hat die Nudelmanufaktur, deren Verpackung ein lesbisches Paar zeigt, wirklich? Wurde diese Regenhose von einem Unternehmen hergestellt, das Frauen lieber am Herd sähe als im Chefsessel? Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz doch sicher ein umsetzbares Projekt?

Sie haben Interesse? Melden Sie sich. Ich bin bei dieser abenteuerlichen Unternehmung dabei. Wir finden schon einen passenden Investor.

Foto: Graffitti am Canal Saint-Martin in Paris

2 Gedanken zu „Der Markt hat keine Lust, irgendetwas zu regeln“

  1. Die Idee mit einer richtungsweisende Datenbank und der dazugehörigen App ist großartig! Als kritische Verbraucherin würde ich zu gern diese App täglich einsetzen. Wäre Crowdfunding ein Weg?

    1. Hallo Kirsti,

      vielen Dank für das Feedback! Crowdfunding wäre sicherlich eine denkbare Finanzierungsmethode. Wir bräuchten allerdings auch ein interdisziplinäres Team. Finden wir zunächst geeignete IT-Spezialist*innen. Dann machen wir den zweiten Schritt. 🙂

      Viele Grüße
      Silvia

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