Eine bunte Parkbank in Paris. Im Hintergrund eine Betonwand mit Zeichnungen von Plakaten, einem Regal, einem Fenster, Blumen, einer Flasche, die ausläuft, einem Fußball.

Mehr Zeit fürs Wesentliche

„Genug vom Papierkram? Gewinnen Sie mehr Zeit fürs Wesentliche!“, digitelli

„Mehr Zeit fürs Wesentliche mit Personio“, Personio

„Wir organisieren Effizienz. Mehr Zeit fürs Wesentliche.“, ibo

Mehr Zeit fürs Wesentliche. Dieses Versprechen geben Hersteller:innen von Softwaretools seit Jahrzehnten. Das Ergebnis für viele Menschen in ihrem beruflichen Umfeld? Mehr Arbeit für die Einzelnen. Mehr Verantwortung fürs gleiche Geld. Und: keine Zeit.

Im Privaten betätigen wir uns freiwillig als Leiter:in eines Reisebüros, Verkäufer:in am Ticketschalter, Kassierer:in, Lieferbot:in, Lagerist:in; verschenken Stunden unseres Lebens für lau. Die nutznießenden Unternehmen freuen sich über die Möglichkeit, Personal zu sparen und die wachsende Rendite.

Informationsüberfluss und Social Media senken die gesellschaftliche und individuelle Aufmerksamkeitsspanne1. Durch Algorithmen steigt das Suchtpotenzial. Künstliche Intelligenz katapultiert sich in jeden Winkel unseres Daseins, verspricht wiederum mehr Zeit fürs Wesentliche und raubt uns nebenbei, Prompt für Prompt, den Verstand2. Obendrauf beschimpft der Bundeskanzler grundlos Teilzeitkräfte und Arbeitslose. In seiner alternativen Realität kreisen linke wie grüne Spinner:innen um Zirkuszeltbewohner:innen. Rechtsextreme unterhalten sich in Autohäusern und Landtagen mit anderen Rechtsextremen über Remigration. Auf ihren Plakaten raten sie: Jetzt erst recht(s). Ein Aufschrei bleibt jedoch aus. Populismus und Machtfantasien rauben uns Kraft und Zeit.

Zeit, innezuhalten. Darüber nachzudenken, ob irgendetwas Sinn macht oder ans Ziel führt. Sich überhaupt an das Ziel zu erinnern. Hätten wir mehr Zeit, zweifelten wir womöglich. Etwa an einfachen Antworten auf komplexe Fragen. An der Behauptung, ohne Aktionismus liefe uns die Konkurrenz davon. Was, wenn die sich verheddert wie McDonald’s an Weihnachten? Wer widersteht, sich in eine Achterbahn zu setzen, die alle besteigen, nur weil so viele mitfahren, zeigt Weitsicht. Vor allem, wenn sich die Mitfahrenden beim ersten Loop übergeben oder die Waggons entgleisen.

„Wir wandern zwischen engen Mauern: Wahnsinn auf der einen Seite und Stumpfsinn auf der anderen.“3

So fühlte Ralph Waldo Emerson in einem abweichenden Kontext. Und doch hallt seine Gemütsbewegung nach.

Was ist wesentlich?

Redet sie eigentlich von Marketing? Oder gleitet die Autorin zuweilen unaufmerksam ins Persönliche ab? Sie stutzen zurecht, schließlich setzt sich dieser Blog kritisch mit dem Thema Absatzwirtschaft auseinander. Dabei wissen Sie aus eigener Erfahrung – der Mensch lässt sich nicht in einen beruflichen und einen privaten Teil spalten. Wir sind ein großes Ganzes. Gesellschaftliche Umbrüche hinterlassen Spuren in unseren Denkmustern. Privates beeinflusst unser Verhalten im Beruf. Berufliches wirkt sich darauf aus, wie wir uns jenseits unserer Arbeitsrollen geben. Das ist eine Unique Selling Proposition, unser Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Wesen und Intelligenzen.

Dass die Versprechen der oben beispielhaft ausgewählten Softwareunternehmen nicht eingehalten werden, liegt (ohne die Software zu kennen) nämlich nicht an der Software. Wir haben immer weniger Zeit, weil Menschen bestimmen, wo es langgeht. Sie entscheiden sich für Effizienzbesessenheit, statt für Effektivität. Für zerstörerische Skalierbarkeit, statt für gesunden Wachstum. Fürs Schweigen, statt fürs aktive Handeln.

Human-to-Human, ein altes Konzept mit Zukunftschancen

Schon vor mehr als zehn Jahren prägte Bryan Kramer den Begriff H2H (Human-to-Human). Das war seine Antwort auf das allgegenwärtige B2B und B2C (Business-to-Business und Business-to-Consumer) und, ehrlich gesagt, ein ganz schön alter Hut, der immer wieder aufgesetzt wird. Denn es war noch nie anders. Menschen treffen Entscheidungen. Menschen kaufen. Menschen verkaufen. Egal, ob sie hauptsächlich mit sogenannten Endkund:innen oder Personen in anderen Unternehmen zu tun haben.

Niemand zwingt uns, unsere Tage wie Pac-Man zu verbringen. Mit dem schnellen Konsum von Wissen und Neuigkeiten, von algorithmisch ausgewählten Musikstücken, für die Künstler:innen so gut wie nichts bekommen, und Fast Food, das auf ausbeuterischen Rädern zu uns rollt. Wenn wir uns ab und an weigern, mit Blinky, Clyde, Inky, und Pinky (den Pac-Man-Geistern in Rot, Gelb, Blau und Rosa, alias den Bossen von Amazon, Google, Meta, X und Co.) zu spielen, dann gewinnen wir Zeit. Zum Beispiel für andere Menschen. Und sei es nur solche, die in Büchern leben. Mit ihrer Hilfe lernen wir neue Perspektiven kennen.

Durch Slow Food gestärkt und von Geschichten inspiriert, könnten wir überlegen, wie wir den Menschen überall wieder in den Vordergrund stellen. Wie wir Effizienzbesessenheit, zerstörerische Skalierbarkeit und Schweigen hinterfragen. Wie wir komplexen Sachverhalten unkompliziert, ausführlich und nachhaltig begegnen.

Unsere zufällig ausgewählten Softwarehersteller:innen umschreiben das Wesentliche mit einer Rückbesinnung auf das Strategische. Dieses beginnt mit den Fragen:

→ Welche Werte haben wir?
→ Wohin wollen wir?
→ Wie kommen wir dorthin?
→ Wer hilft uns dabei?

Nehmen wir uns ein wenig Zeit, darüber nachzudenken. Wenn es sein muss, zetteln wir dazu eine Revolution an.

Wie wäre es?


1.
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2.
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„Die neuronale Vernetzung im Gehirn wird mit jedem Tool schwächer“

3.
Aus dem Buch „Findungen“ von Maria Popova

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