Jedes Herz ist eine revolutionäre Zelle

Wenn Menschen das Menschsein wiederentdecken

Mit wachen Sinnen. Fähig, sich in andere hineinzuversetzen. Voller Zuversicht. Gegen jegliche Erschütterungen gefeit. Andere geschickt auf die eigene Seite ziehend. Verlässlich. Günstige Fügungen des Schicksals willkommen heißend. So begegnen ambitionierte Fachkräfte den Herausforderungen unserer Zeit. Bei Nachholbedarf empfiehlt der Harvard Business Review wärmstens seine Buchreihe zum Thema: Wie wir es schaffen, uns in unserer Arbeitsumgebung menschlich zu verhalten.

Isn’t it ironic, don’t you think? (Verzeihen Sie. Ich denke viel zu häufig in Songtexten.) Während Maschinen uns schwere körperliche Arbeit abnehmen und Algorithmen für uns denken, finden Unternehmen – zumindest innerhalb ihrer Kommunikation – zunehmend Gefallen an Menschen. („It’s about people.“, „All we have are people. They are our most important asset.“, „We want to improve people’s lives.“) Als hätten sie sich an all den steilen Kurven und vielstelligen Zahlen sattgesehen, erinnern sie sich plötzlich an die Tatsache, dass irgendwo dazwischen Leben zappelt. Fassadenreinigende seilen sich aus der Ecke der Sieben herab. Eine Biologin hat ihr Mikroskop auf dem Dach der Fünf abgestellt und lässt die Beine in der oberen Hälfte der Acht baumeln. Unter dem Bogen der Zwei duckt sich ein Ingenieur mit rotem Schutzhelm.

„Die soziale Verantwortung von Unternehmen ist es, den Gewinn zu steigern.“

meinte der Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman 1970. Gedanken an Umweltschutz oder die Notwendigkeit, sichere Autos zu produzieren, fand er abwegig. Über Jahrzehnte hinweg führte der Wunsch nach immer besseren Quartalsergebnissen zu Luft verwirbelndem Aktionismus und folgenschwerer Kurzsichtigkeit. Fünfzig Jahre später brennt der Planet – buchstäblich wie im übertragenen Sinne.

Aber dieses eher fragwürdige Vermächtnis veranlasste die Mitglieder des Business Roundtable, eines Zusammenschlusses führender US-amerikanischer Unternehmen, ganz sicher nicht zum Umdenken. CEOs wie Jeff Bezos von Amazon (der als reichster Mann der Welt nichts von fairen Löhnen für seine Mitarbeiter:innen hält), Stephen A. Schwarzman von Blackstone (dessen Fonds Menschen aus Sozialwohnungen rauswerfen, um die Immobilien zu renovieren und profitabel weiterzuverkaufen) oder David Calhoun von Boeing (das ist der Flugzeugbauer, der Börsenrekorde erzielen wollte und gleichzeitig den Tod von Reisenden in Kauf nahm) verkündeten letztes Jahr, statt sich auf Gewinnmaximierung zu versteifen, bei der ausschließlich das Wohl der Anleger:innen zählt, interessierten sie sich neuerdings gleichermaßen für Kund:innen, Mitarbeiter:innen, Zulieferer und die Gemeinden, in denen sie ihre Geschäfte treiben.

Woher dieser Stimmungswandel? Warum lohnt es sich für Fach- und vor allem Führungskräfte, darin zu investieren, sich bei der Arbeit menschlich zu zeigen? Warum sollen alle Mitarbeiter:innen nicht mehr wie bisher, ihr Gehirn an der Pforte auf Stand-by schalten und ihr Herz hinter einem Stahlnetzhemd verstecken?

Das Vertrauen ist verspielt, doch die Hoffnung bleibt

Gerade einmal 29 Prozent der Menschen weltweit vertrauen darauf, dass Unternehmen allen Interessengruppen fair begegnen. Gleichzeitig wünschen sich 92 Prozent der Mitarbeiter:innen von ihren CEOs, diese äußerten sich öffentlich zu folgenden Themen (und hoffen vermutlich auf Taten, die ihren Worten folgen – Amazon liefert schließlich immer pünktlich, irgendwo muss man sein Geld anlegen und ohne Flugzeuge gibt es keine Ferien in fernen Ländern):

  • Auswirkungen der Automatisierung auf Arbeitsplätze
  • Vorbereitung auf die Jobs der Zukunft
  • Ethische Nutzung neuer Technologien
  • Einkommensungleichheit
  • Einwanderung
  • Vielfalt
  • Klimawandel

Unternehmen sprechen von neuen Perspektiven, denn viele Teile der Gesellschaft trauen sich alles neu zu denken. (Im Gegensatz dazu entwickeln sich andere Teile rückwärts und regen zum Nachdenken über die Konsequenzen dieser Rückwärtsgewandtheit an.) Diese aufgeweckten Menschen haben große Erwartungen und fordern Selbstverständlichkeiten ein, die viel zu lange nur in der Theorie existierten.

Würden Jeff, Steve und Dave doch nur bei dm einkaufen. Dort heißt es schon seit 1992 „Hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein.“ (Wenn es vor fast dreißig Jahren diese Betonung brauchte, dann galten damals jegliche Interessengruppen wohl anderswo als wandelnde Umsatzzahlen? Vorsicht: rhetorische Frage.) Jetzt fällt es schwer, den Herren abzunehmen, sie erwägten einen echten Wandel, etwa genauso schwer wie es uns fällt Alibaba zu glauben, der Konzern habe nie die Absicht gehabt, mithilfe seiner Gesichtserkennungssoftware die chinesische Regierung dabei zu unterstützen, die ethnische Minderheit der Uiguren zu verfolgen. Nun: wer weiß.

Denn selbst in Polen, dem Land, in dem einer der beiden faulen und grausamen Brüder, die den Mond stehlen wollten, seinen Mitbürger:innen sagt, wo es lang geht, und in dem es (mit seiner Zustimmung) inzwischen zahlreiche LGBT-ideologiefreie Zonen gibt, setzen zahlreiche Unternehmen positive Impulse: Bei den andauernden Streiks gegen das verhängte faktische Abtreibungsverbot zeigen sie klare Kante, indem sie Streikenden spontan Urlaub gewähren oder gleich ihren Betrieb schließen und sich soldarisch zeigen. (Übrigens: Vor allem kleine Unternehmen, die viel zu verlieren hätten, gehen dabei mit gutem Beispiel voran.)

Handelt es sich lediglich um freundliche Gesten (sogenannte „Random Acts of Kindness“), einmalig und unverbindlich? Möglich. Andererseits: Vielleicht schafft es der Mensch, seine abgestumpften Sinne zu beleben und den brennenden Planeten zu retten? Wäre doch schön.

Foto: Graffito in Wetzlar

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