Mit wem wären Sie beruflich lieber unterwegs, wenn es draußen Horrorszenarien regnet und drinnen Chatbots undurchsichtige Netze knüpfen? Mit einer sturmerprobten Frau, die ein ausgeprägtes Urteilsvermögen und graue locken hat? Oder einem brünetten Uniabsolventen namens Maximilian, der den Weg zur Toilette mit seinem Handy navigiert?
Machen Sie sich nicht allzu viele Gedanken. Ein automatisiertes Entscheidungssystem1, das Ihnen als Intelligenz verkauft wird, beantwortet die Frage ohnehin wesentlich schneller. Und ob Sie es wollen oder nicht; das Urteil fällt zu Ungunsten der mittelalten Frau aus. Denn automatisierte Entscheidungssysteme neigen dazu, (grauhaarige) Frauen zu diskriminieren. Sie spiegeln schließlich das wahre Leben wider.
„Aber in ihrem Alter lohnt sich Wut um der Wut willen immer weniger. Denn jedes Mal, wenn Frau mit den Zähnen knirscht, könnten ein paar davon abbrechen.“2
Diese neue, von der alten inspirierte, Realität erlebte vor einiger Zeit Stacey Duguid. Mit 52 konnte die Britin zwar jede Menge Erfahrung und Expertise vorweisen. Doch die Unternehmen, bei denen sie sich über einen Zeitraum von sechzehn Monaten bewarb, interessierte das nicht. Geschweige denn, wie die geballte Kompetenz ihr Business voranbringen könnte. Einladungen zu Vorstellungsgesprächen blieben aus.
Der Tradition entsprechend, ließ Stacey ihrem Ärger in den sozialen Medien freien Lauf. Tausende von Frauen aus aller Welt kommentierten, likten, reposteten, weil sie ähnliche Erfahrungen gemacht hatten. BBC, Corriere Della Serra, Der Standard und viele andere Medien berichteten darüber, wie eine Freundin Stacey empfahl, ihrem Lebenslauf eine Botoxspritze zu verpassen – sich also für potenzielle Arbeitgeber und deren Systeme vom Ballast einer erlebten Vergangenheit zu befreien, um jünger zu erscheinen.
Als ich vor einiger Zeit mit Vertreter:innen von mehreren deutschen Recruitingunternehmen sprach, leugneten sie das „Too young to retire, too old to hire“-Phänomen nicht. Mittelalte Frauen schweben zwischen zwei Zuständen ihres Erwerbslebens. Sie sind zu jung, um sich zur Ruhe zu setzen, und zu alt, um eine angemessene Anstellung zu finden. Was nützt es, dass der Bundeskanzler glaubt, selbst mit einem Rollator seien wir für viele Jobs super aufgestellt. Erfahrung wirkt im Zeitalter der Effizienzbesessenheit abschreckend. Der Markt hat, wie so häufig, keine Lust, etwas zu regeln.
Im Rahmen der „Studie zur Auswertung von Stellenanzeigen im Hinblick auf Diskriminierung, Ausschlussmechanismen und positive Maßnahmen“ fand die Antidiskriminierungsstelle des Bundes zwar heraus, dass Stellenanzeigen heute mehrheitlich nicht gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz verstoßen. Jedoch dienen diese Anzeigen lediglich als ein Plakat, das irgendwo da draußen Aufmerksamkeit schafft. Ein automatisiertes Entscheidungssystem und Voreingenommenheit mimen im nächsten Schritt Türsteher, die nicht mit sich reden lassen. Die mittelalte Frau bleibt deshalb in vielen Fällen draußen.
Auch ich habe das 50. Lebensjahr erreicht. Wenn ich zum wiederholten Male das Vorurteil lese, wir (Menschen aus dem anderen Jahrtausend) lehnten technologischen Fortschritt ab, hören Sie mich womöglich sogar in Frankfurt an der Oder lachen. Wiegenlieder. Radio. Schallplatte. Tonband. Kassette. Konzertbesuch. CD. Mini-Disc. MP3. iPod. iPhone. Streaming. KI-generierter Schrott überall. Allein im Bereich Musik adaptieren wir seit Jahrzehnten etliche hilfreiche Tools und sortieren Zumutungen aus. Wir sammeln Informationen, erleben Emotionen, erkennen Zusammenhänge. All das mit einem Minimum an Energieverbrauch und ohne Millionen von Menschen zu bestehlen.
Wo ist eigentlich die Forbes-Liste der weiblichen Top-Talente über 50? Was maßen sich Unternehmen an? Sie kennen Frauen mittleren Alters gar nicht, denn der durchschnittliche Arbeitsplatz ist eine lebensferne Schablone, in die sich einst Männer recht gut pressen ließen. Eine, die am Status quo etwas ändern will, ist Ferda Ataman. Im Oktober 2026 forderte die Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung die Bundesregierung auf, das bisher im Berufsalltag nicht vorkommende Thema Wechseljahre auf die Tagesordnung zu setzen.
Theoretisch erzielen wir Fortschritte. In der Praxis zerstören Männer weit jenseits der Fünfzig die Welt, während Frauen Botox für junge Lippen oder mittelalte Lebensläufe einsetzen. Zur Erinnerung: Diese Substanz ist toxisch. Und ein Symptom. Wir müssen (immer noch) an die Ursachen heran.
1.
Zu oft wird der Begriff „künstliche Intelligenz“ selbst dann verwendet, wenn es sich bei einem Vorgang einfach nur um eine Automatisierung von Entscheidungen handelt.
„Künstliche Intelligenz ist zuallererst ein Forschungsfeld der Informatik, das sich mit maschinellem Lernen und der Automatisierung kognitiver Aufgaben befasst. Darüber hinaus suggeriert der Begriff die Nähe zu menschlicher Intelligenz und damit auch zu so etwas wie Verantwortung für Entscheidungen. Das ist irreführend. Passender ist der Begriff „automatisiertes Entscheidungssystem“.
Quelle: „Automatisierte Entscheidungssysteme und Diskriminierung Ursachen verstehen, Fälle erkennen, Betroffene unterstützen“ von Algorithm Watch
2.
Margaret Atwood, The Robber Bride, frei übersetzt
