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Wenn die Bärentatze fünf Mal klingelt

Ich wohne in einem Innenhof, Frau Herzberg hingegen seit ein paar Monaten in einem Haus, das direkt an der Straße liegt. Da ihr Leben in anderen Bahnen verläuft als das meine, hatten sich unsere Wege bis vorgestern nicht gekreuzt. Doch das Universum wollte diesen Umstand ändern. Deshalb schickte es ein unmissverständliches Zeichen.

Als ich am Dienstag Morgen gemütlich einen Kaffee schlürfte, klingelte ein Schicksalsbote in gelber Uniform an Frau Herzbergs Tür und übergab ihr ein für mich bestimmtes Paket. Abends schaute ich in den Briefkasten. Ich war überrascht zu lesen, man habe mich nicht antreffen können. Dafür aber eine gewisse Frau Herzberg. Zuerst dachte ich an einen Scherz. Von Frau Herzberg hatte ich schließlich noch nie gehört. Letztendlich überzeugte der sauber ausgedruckte Adressaufkleber und führte mich zu ihr. Wir wechselten ein paar höfliche Worte. Dann gestanden wir uns im stillen Einvernehmen ein: der Schicksalsbote hatte zwar gute Absichten, aber Unrecht was uns beide betraf. Ich lief mit meinem Paket nach Hause, begleitet von der Hoffnung, jemand anderes möge schon bald in Frau Herzbergs Haus einziehen.

Wenn Sie das Glück haben, in einem Einfamilienhaus zu wohnen, gehört eine Frau Herzberg zu einigen wenigen Herausforderungen, die Sie beim Empfang von Paketen bewältigen müssen. Reicht es nur für ein Mehrfamilienhaus, sind damit viele bunte Boten-Geschichten verbunden. Die beinhalten Männer (und äußerst selten Frauen), die mit Bärentatzen anstelle von Händen geboren wurden. (Wie sonst wäre es zu erklären, dass diese Menschen alle Klingeln auf einmal betätigen, wenn sie nur ein einziges Paket abgeben möchten?) In den Erzählungen stolpern Erwachsene über auf der Treppe liegende Pakete, verfluchen den Tag, an dem sie ins fünfte Obergeschoss zogen, während ihre Kinder heulen, weil das neue Spielzeug einmal wieder in den Händen der Nachbarskinder landet. Jeder kann sehen, was der andere konsumiert. Alle sind der Versuchung ausgesetzt, mit falschem Namen zu unterschreiben, das Päckchen für sich zu behalten und so zu tun als wäre nichts gewesen.

Früher war natürlich alles anders. Im letzten Jahrhundert lieferte der furchtlos-freundliche Bote der Deutschen Bundespost regelmäßig Briefe aus. Ab und zu auch eine Bestellung aus dem Otto-Katalog. Heute gibt es Menschen, die die Deutsche Bundespost nur noch aus Wikepedia-Einträgen, also dem Internet kennen. In diesem Internet kaufen sie, wie auch ihre älteren Verwandten, immer häufiger ein. Die Nachfahren des Postboten kommen ihnen in Form eines gehetzten, unfreundlichen und häufig dreisten Vertreters der Logistikindustrie entgegen.

Gedanken darüber, dass der Bote manchmal nicht einmal derjenige ist, der er vorgibt zu sein, machen sie sich selten. Sie betrachten die Partner von Amazon oder Zalando nicht als verlängerten Arm des Händlers, sondern als Mittel zum Zweck. Konsumenten wollen ihr Päckchen. Kostenlos versendet und zackig. Vor sich hin mosernd nehmen sie den schlechten Lieferservice in Kauf. Sie könnten Alternativen suchen oder streiken. Stattdessen lassen sie sich auf absurde Augenwischereien ein.

So wie den klimafreundlichen Versand von DHL. Klimafreundlich heißt nicht etwa, dass der Bote mit einem Fahrrad kommt oder ein Elektrofahrzeug nutzt. Nein. Es bedeutet, dass die Luft wie gewohnt verpestet wird. Aber mit Investitionen in Klimaschutzprojekte versucht DHL diese verpestete Luft zu neutralisieren. Das gute Gewissen erkauft man sich nicht dadurch, dass man die Sünde vermeidet, sondern indem man Buße tut. Irgendwie bequem.

Bequemlichkeit steuert eben das Handeln der Konsumenten. Das wissen die Online-Händler. Daher ist ihr Anreiz, einen Servicepartner zu wählen, der bei der Auslieferung ihrer Ware freundlich agiert, nicht gerade sehr groß. Wenn die Bärentatze fünf Mal am Tag klingelt, findet sich immer irgendjemand, der ihr die Tür aufmacht.

Doch abseits von Treppenhäusern herrscht ein starker Wettbewerb. Logistikunternehmen versuchen sich in die Herzen der Online-Händler zu spielen. Freundliches Personal stellt dabei kein Alleinstellungsmerkmal dar. Hermes und Co. setzen auf Emotionen und möchten Sie, den Konsumenten, als Verbündeten gewinnen, indem sie dafür sorgen, dass Sie sich nie wieder in Frau Herzbergs Nähe begeben müssen. Damit das nicht passiert, verraten sie Ihnen bis auf eine Stunde genau, wann Ihre Sendung eintrifft.

Aber was spielt das schon für eine Rolle. Wenn Amazon erst seine Drohnen in die Luft bringt, brauchen wir uns weder über unfreundliche Boten aufzuregen noch über unsere Nachbarn. Das Thema erledigt sich von selbst.

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