Nokia Handy Parodie als Aufkleber auf einem Laternenpfahl: wer glaubst du, wer du bist? junge schrimp mir doch kein kauderwelsch

(Un)Gerne per Du

Über einen sehr langen Zeitraum hinweg kam in unseren Breitengraden niemand auf die Idee, sein Gegenüber anders als mit „Du“ anzusprechen. Eines Tages dann suchten Fürsten und weitere Personenkreise, die auf dem hohen Ross saßen, mithilfe des Wörtchens „Ihr“ den sozialen Abstand zum gemeinen Volk auszubauen. Dieser Veränderungsprozess stieß (wie alle Vorschläge, Neues auszuprobieren) zunächst auf wenig Begeisterung. Schlussendlich gab das Volk nach.

Verschiedenste Anredeformen folgten. In einer nicht allzu fernen Vergangenheit galt „Möchte der Herr, dass ich die Schuhe putze?“ als übliche Frage und die Damen hatten ihre Ehemänner zu siezen. Erfreulicherweise geht, wenn wir nur lange genug warten, alles vorbei. Frauen dürfen heute sogar andere Frauen heiraten und ihnen mit allerlei sprachlichen Vorlieben begegnen.

Doch vielerorts stiften die gesellschaftlichen Umbrüche große Verwirrung. Die deutsche Rentenversicherung etwa siezt und duzt gleichzeitig auf ihrer Website zur Sozialwahl.

„Ihre Chance auf Mitbestimmung“

kündigt sie oben an.

„Deine Stimme. Deine Wahl.“

äußerst sie ein Stück weiter unten.

Hin- und hergerissen zwischen der vermeintlich höflichen Distanz von gestern und der ununterbrochenen kommunikativen Vernetzung wildfremder Personen über die sogenannten sozialen Medien, tun sich Organisationen schwer. Zahlreiche Elemente beeinflussen ihre Entscheidungsfindung.

Management – Moden

Flache Hierarchien verheißen unternehmerischen Fortschritt. Das Du zertifiziert dabei die Zugehörigkeit zur eigenen, dem Erfolg nachjagenden Herde.

Einflüsse aus Übersee

US-amerikanische Unternehmen, bei denen sich niemals ein organisches Wesen, das Verantwortung trägt, erreichen lässt, beherrschen das Online-Universum. Alphabet und Meta nutzen das kumpelhafte Du, wenn sie unsere Daten an Dritte verkaufen. Alleine Amazon wahrt beim einander Belügen die bis vor der digitalen Revolution unter Unbekannten übliche Sie-Form.

Wachsende Entfremdung

Fachkräfte verschwinden aus dem Handel und der Handel verschwindet aus den Städten. Fortschrittsgläubige lassen sich Kaugummis, Taschentücher oder Hundefutter nach Hause liefern und zweifeln nicht daran, dass sie mit einem leckeren Sushi auf der Couch sitzend, Tausende von hart arbeitenden Restaurantbesitzer:innen und Kurier:innen unterstützen.

Folgenreiche Sparmaßnahmen

Gespräche mit echten Menschen dienen immer seltener als Kommunikationskanal. Stattdessen treffen wir auf die maschinelle Simulation von Nähe sowie schlecht bezahlte Boten, die wir ob ihres kurzen Auftrittes an Werktagen genauso gut für eine Fata Morgana halten könnten, stünde vor der Tür der Nachbarin nicht ein an uns adressiertes Paket.

Lieb gewonnene Assoziationen

Das Du versinnbildlicht hierzulande Lockerheit (und jeglicher Anflug von Förmlichkeit gilt spätestens seit dem Tod von Karl Lagerfeld als out.), Jugendlichkeit (und die Angst vor dem Altern übertrifft die vor verkrusteten Stereotypen), Verbundenheit (und in einer Zeit, in der wir überall und jede(r) sein können, eröffnet das Bedürfnis, Teil eines großen Ganzen zu sein, neue Geschäftsmodelle).

Als sich IKEA vor vielen Jahren unverblümt via Werbespot erkundigte, ob ich noch wohne oder schon lebe, fand ich das nur natürlich. Eine Stehlampe namens „Not“ hatte uns zu Verbündeten gemacht. In der duzenden Fahrradwerkstatt bin ich Teil einer bedrohten Art. Dass meine Bank zeitgleich schlechtere Konditionen und das Du einführte, fand ich eher frech. Der in Business-E-Mails immer häufiger auftauchende Zusatz „Gerne per Du“ macht mich stutzig. Vor allem dann, wenn auf die Agilität versprechenden Worte ausschließlich unmotivierte Taten folgen.

Und wie halten Sie es heutzutage mit Unbekannten?


Bild: Künstler:in unbekannt, verewigt auf einer Straßenlaterne in Frankfurt am Main

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