Blick vom Pointe du Van in der Bretagne

Marketinglektionen vom Ende der Welt

Manche behaupten, es sei das Ende der Welt. Andere finden, hier nähme alles seinen Anfang.

In der engen, gewundenen Straße, an deren Ende der Ozean mal tobt, mal so tut als könnte sich sein Wasser nie trüben, herrscht nach Einbruch der Dunkelheit Stille. Häuser aus altem Naturstein werfen im Mondlicht weiche Schatten.

Kraftvolle Flügelschläge irgendwo über den Dächern schrecken ortsfremde Erwachsene auf und verwandeln sie in Kinder, die hinter jedem Schatten Monster wittern. Ein Blick in den Himmel reicht, um zu verstehen, warum Menschen weltweit vehement gegen Lichtverschmutzung kämpfen. Neben Kassiopeia sieht man hier, anders als in der Stadt, Milliarden von Sternen innerhalb der Milchstraße.

Das hier ist der Ort, an dem für Reisende der Alltag im Nu zu einer Erinnerung wird. Abgelegt am Ende einer langen, schwer erreichbaren Hirnwindung. Morgens wandert der Nebel gemächlich die Hügel entlang und macht Platz für die Sonne. Ungefähr zu dieser Zeit lächeln alle Gastronom:innen schelmisch. Denn ihre größte Freude besteht darin, potenzielle Gäste nach Lust und Laune vor den Kopf zu stoßen.

Der allgemein bekannten Theorie nach öffnen die Restaurants mittags um zwölf und schließen um vierzehn Uhr. Wann aber verlassen die Köch:innen ihren Herd? Dieses Rätsel lässt sich nur selten knacken. Zumal jedes Lokal eine andere Antwort bereithält und diese täglich variieren kann. Also irren zahlreiche Hungrige umher, den Duft gerade noch servierter Meeresfrüchte-Platten in der Nase. Manchmal bis zum Abend. Dann hoffen sie, dass die Pizzeria, deren Schild als Öffnungszeit 18:30 Uhr verkündet, wenigstens um 19:00 Uhr aufmacht. Erwartungsfroh drücken sie die Türklinke herunter, fragen zaghaft nach einem freien Tisch und hören: es wäre besser, Sie kämen um 19:30 Uhr rein.

Stur? Launisch? Inkonsequent? Interpretationsfähig. Einige wenige wagen es, das Muster zu durchbrechen. In ihrer Obhut beginnt am Ende der Welt vieles, wieder einen Sinn zu machen. Wesentliche Grundsteine des Marketings, längst unter einem krummen Haus aus tausenden von Medien und Tools begraben, werden sichtbar.

Erkenne eine Marktlücke und fülle sie mit Verstand.

Kenne deine Zielgruppe.

Kenne deine Konkurrenz.

Setze dir realistische Ziele und werde nicht gierig; das ist schlecht für den Teint und deine Umwelt.

Nutze die Vorteile deines Standortes.

Nutze deine Talente.

Arbeite kontinuierlich daran, den Werten deiner Marke gerecht zu werden.

Liefere gute Qualität zu einem angemessenen Preis. (Oder führe einen erbitterten Preiskampf bis in alle Ewigkeit, wenn du auf Ballerspiele stehst.)

Wähle nur die besten Mitarbeiter:innen aus, behandle sie gut, begegne ihnen auf Augenhöhe und bilde sie stets weiter.

Verbünde dich mit Gleichgesinnten.

Kommuniziere klar und deutlich: das hilft, Erwartungen zu managen und Enttäuschungen vorzubeugen.

Sei freundlich.

Erzähle spannende Geschichten, aber schwafle nicht.

Ruhe dich nicht auf deinen Lorbeeren aus, denn die Welt dreht sich beständig weiter.

Monsieur Papier hat diese Grundlagen verinnerlicht. Das Café öffnet seine Türen durchgehend von 11 bis 19 Uhr, außer an Dienstagen. (Die Konkurrenz schließt montags.) Neben Fisch- und Käseplatten, bunten Bowls und anderen kalten Snacks bringen gut gelaunte Kräfte ein warmes Gericht des Tages an den Tisch. Außerdem die weltbesten Kuchen. Bei Sonnenschein empfiehlt sich die Wiese, an deren Ende eine Klippe in den Atlantik fällt. An stürmischen Tagen peitscht von draußen der Regen gegen die Scheibe des Wintergartens, während von innen verträumte Augenpaare den Horizont suchen.

Der zum Gesamtkonzept gehörige kleine Laden birgt Schätze, die in gängige Rucksäcke oder Handtaschen passen. Japanische Bleistifte, französische Bücher und schwedische Tassen ergänzen die eigene Produktpalette. Notizbücher, Leinenbeutel, Kalender: Monsieur Papier steht nicht nur für köstliche Lebensstunden, sondern auch für verspielte, hochwertige Papeterie und Dekorationsartikel. Sämtliche Waren gibt es außerdem im Onlineshop.

Café und Laden befinden sich in einem geschichtsträchtigen Gebäude. Einst diente es als Restaurant, in dem vom Wind zerzauste Reisende Rast machten und Tickets für eine Überfahrt zur vorgelagerten Insel kauften.

Fahren Sie ruhig einmal hin. Lassen Sie Ihren Laptop zu Hause und kommunizieren Sie diesen Umstand bitte nicht auf LinkedIn, als hätten sie ein goldenes Ei gelegt. Versuchen Sie es beim Spazierengehen mal mit einer Wanderkarte, statt Google Maps zu nutzen. Vielleicht verlaufen Sie sich und finden etwas, das Sie längst verloren haben. Oder den versteinerten Schwan beim Au Pilleur D’epaves. Wer weiß? Erinnern Sie sich daran, dass es hilft, innezuhalten, will man schneller ans Ziel gelangen.

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